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Mit der Transparenz von Kammermusik


Der Motettenchor Lörrach dokumentiert zu seinem 75. Geburtstag mit Händels "Messias" eindrücklich die Kultur seines Klangs

LÖRRACH. Um es vorweg zu sagen: die Aufführung des Messias in der voll besetzten Peterskirche gereichte dem Lörracher Motettenchor zur Ehre und dokumentierte eindrücklich die Kultur seines Chorklangs. Die Zutaten des Erfolgs sind Viererlei. Einmal ist es ein Chor, der trotz seiner Größe von über 80 Sängern und Sängerinnen in der Lage ist, brilliante Chorfugen so transparent und leichtfüßig darzustellen, als sei ein kleines Vokalensemble am Werk. Zweitens gehört ein Orchester dazu, das statt symphonischer Masse kammermusikalische Klasse besitzt und jede musikalische Linie durch differenzierte Artikulation und Tongebung lebendig darzustellen weiß. Souverän gestaltende Solisten und ein umsichtiger Orchesterleiter bilden die weiteren Zutaten.

Stephan Böllhoff versteht sich weniger als charismatischer Maestro, denn als eine Art musikalischer Moderator. Jedenfalls verzichtet er auf große Gesten, geht nur selten sichtbar aus sich heraus. Mit ruhigen Gesten modelliert er die Musik, bringt die stattliche Sängerschar auf agil pulsierenden Trab, inszeniert Steigerungen und plötzliche Charakterumschwünge. Böllhoffs hohe Professionalität scheint eine Kehrseite zu haben. Kann es sein, dass im Zielen auf größtmöglicher Präzision der Sinn für das interpretatorische Wagnis zu kurz kommt? Jedenfalls hätten man sich bei gut zweieinhalb Stunden Musik mehr Momente gewünscht, in denen die Interpretation aufhorchen lässt.

Das Solistenquartett war mit überregional ausgewiesenen Künstlern besetzt. Gleich zu Beginn nahm Bernhard Gärtner mit seiner klaren, bestens disponierten Tenorstimme für sich ein. In seiner Version der berühmten Arie "Ev'ry valley" saß jeder Ton und jede Phrase war deklamatorisch auf den musikalischen Punkt gebracht. Ekkehard Abele verfügt über eine modulationsreiche und raumgreifende Bassstimme, mit der er mal in geheimnisvollem Timbre die "Todesschatten", mal hochdramatisch die "letzte Posaune" ausmalte.

Am besten zu Böllhoffs offenkundigem Ideal eines kammermusikalisch transparenten Messias schien der mädchenhaft schlanke Sopran von Regina Kabis zu passen. Eigenartig querständig wirkte in diesem Umfeld dagegen Silke Marchfelds sinnliche Altstimme, ihr vibratoreiches Alttimbre und ihr eher romantisch-subjektiver Zugriff auf die Partie. Gleichwohl war es Silke Marchfeld, die mit ihrer Arie "He was despised" im Passionsteil des Oratoriums für einen der anrührendsten Momente der Aufführung verantwortlich zeichnet.

Die unter dem Etikett "Orchester des Motettenchors" angetretene Musikerschar entpuppte sich als gut aufeinander eingespielter Klangkörper. Namentlich die ersten Violinen spielten musikantisch frisch und gleichzeitig hochdiszipliniert. Die Trompeten brillierten mit glanzvollen Einlagen, wobei Nicol Steiner seine solistische Partie technisch makellos und in einfühlsamer Tongebung absolvierte. Das letzte Wort gilt dem Chor, der seine umfangreiche Partie in beeindruckender Qualität meisterte. Die durchweg zügigen Tempi nahm der Motettenchor scheinbar mühelos auf. In den zahlreichen Chorfugen blieb dank übersichtlicher Klangregie und beredter Artikulation der Satz stets durchhörbar. Und auch die homophonen Passagen waren trotz der nötigen Wucht und Geschlossenheit nie erschlagend.

Matthias Weber

Aus der Badischen Zeitung vom 4. Dezember 2001


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