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Der Motettenchor - Foto: Michael Gottstein

Trotz seiner imposanten Größe agierte der Motettenchor beweglich, beeindruckte durch Präzision in den polyphonen Sätzen ebenso wie durch Intensität und Klangschönheit in den langsamen Passagen; das Orchester spielte leicht und transparent. (Foto: Michael Gottstein)

Großes Geschenk zum kleinen Jubiläum

Motettenchor Lörrach gelingt in Weil-Friedlingen eine glanzvolle Aufführung von Mendelssohns Oratorium "Paulus"

Der 80. Geburtstag ist zwar nur ein kleines Jubiläum; doch ein großes Geschenk machte der Motettenchor Lörrach sich selbst und den Besuchern in der voll besetzten Friedlinger Pfarrkirche "Guter Hirte" in Gestalt einer glanzvollen Aufführung von Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium "Paulus".

Während das frühe 19. Jahrhundert dem Barockzeitalter nicht gerade wohl gesonnen war, begründete die von Mendelssohn geleitete Berliner Aufführung der "Matthäuspassion" im Jahre 1829 die Bach-Renaissance. In seinem 1836 uraufgeführten "Paulus" orientierte sich Mendelssohn an den Vorbildern Händel und Bach. Die archaischen polyphonen Kompositionsweisen dienten ihm als Ausdruck von Größe, Würde und Erhabenheit, gleichzeitig erfüllte er die barocke Formstrenge mit romantischer Gefühlswärme. Der erste Teil des Oratoriums handelt von der Predigt und Steinigung des Stephanus sowie der Bekehrung des Saulus zum Paulus, während der zweite Teil das Wirken und die Verfolgung des Apostels beschreibt.

Der Motettenchor und sein Dirigent Stephan Böllhoff hatten keinen Aufwand gescheut, um das Werk zusammen mit professionellen Solisten einzustudieren. In der Ouvertüre über den Choral "Wachet auf, ruft uns die Stimme" war bei aller Fugen-Strenge die romantische Empfindungstiefe und ? vor allem in den filigranen Streicherfiguren ? der typisch mendelssohnsche Klangzauber zu spüren. Das Orchester spielte leicht und transparent, mit Verve, aber nie verhastet, und hatte genügend Zeit, um das ruhige Choralthema auszuspinnen. Trotz seiner imposanten Größe agierte der Chor beweglich, beeindruckte durch Präzision in den polyphonen Sätzen ebenso wie durch Intensität und Klangschönheit in den langsamen Passagen sowie eine dynamisch und agogisch sehr differenzierte Gestaltung. Die Steinigung des Stephanus zählte mit dem wild rhythmisierten Chorsatz und den naturalistischen "Steiniget ihn"-Rufen zu den dramatischen Höhepunkten, ebenso wie die von Streicher tremoli untermalte Anklage des Volkes gegen Paulus, die sich von nervösem Wispern zu offenem Hassausbruch steigerte, wobei der Chor selbst im Forte nie die Genauigkeit der Artikulation vermissen ließ.

Den Kontrast dazu bildeten etwa die zart schwebenden Kantilenen bei der Seligpreisung des Stephanus oder der von lichten Akkorden umrahmte Einsatz des Frauenchors bei der Bekehrung Sauls, bei dem die Reinheit und Unangestrengtheit der Stimmen sehr angenehm auffiel. Die Solistin Petra Hoffmann verfügte über einen zart timbrierten lyrischen Sopran und die Kunst, die Affekte klangschön und mit Intensität nachzuzeichnen. Bernhard Gärtner sang die Tenorpartie mit heller und strahlkräftiger Stimme und brachte auch das nötige Pathos in den Predigten des Stephanus auf.

Der Bassist Markus Volpert gestaltete die ruhigen, mit Seufzerfloskeln versehenen und introvertiert wirkenden Arien des Paulus sehr einfühlsam und hatte, obwohl er eher dem lyrischen als dem dramatischen Fach angehörte, die nötige Stimmgewalt, um die Strafpredigten des Apostels wirkungsvoll zu inszenieren. Komplettiert wurde das Solistenquartett von der Altistin Silke Marchfeld, die ihre großen vokalen Mittel sehr kultiviert und sensibel einsetzte.

Michael Gottestein
Aus der Badischen Zeitung vom 12. Dezember 2006

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